Eine aktuelle und umfassende Untersuchung der Nachrichtenagentur Reuters, die durch Electrek an die Öffentlichkeit gelangte, hat die Grundfesten von Teslas „Full Self-Driving“ (FSD) – insbesondere die vielgepriesenen Sicherheitsstatistiken – erschüttert. Der Bericht enthüllt eine zutiefst fehlerhafte Methodik, die den Daten zugrunde liegt. Doch was noch beunruhigender ist: Selbst Teslas eigene Daten-Labeler, die Angestellten, die das KI-System trainieren und dessen Grenzen am besten kennen, vertrauen der Technologie nicht, um sich selbst fahren zu lassen.
Die Reuters-Enthüllung: Fehlerhafte Statistik und internes Misstrauen
Die Reuters-Recherchen basieren auf Interviews mit aktuellen und ehemaligen Tesla-Mitarbeitern, internen Dokumenten und Datenanalysen. Sie zeichnen ein Bild, das im krassen Gegensatz zu den öffentlichen Aussagen von Tesla und Elon Musk steht, die FSD als deutlich sicherer als menschliche Fahrer darstellen. Die Mängel in der Datenaggregation und -interpretation könnten eine irreführende Darstellung der tatsächlichen FSD-Sicherheitsleistung zur Folge haben. Dies ist besonders problematisch, da die Sicherheit ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz und Zulassung autonomer Fahrsysteme weltweit, und insbesondere im regulierten europäischen Markt, ist.
Das Misstrauen der KI-Trainer ist ein alarmierendes Signal. Diese Fachkräfte verbringen täglich Stunden damit, die komplexesten und schwierigsten Verkehrsszenarien zu annotieren, um das neuronale Netz zu trainieren. Sie sehen die sogenannten „Edge Cases“, die Grenzsituationen, in denen FSD Schwierigkeiten hat oder Fehler macht. Wenn diejenigen, die am nächsten an der Technologie arbeiten, davor zurückschrecken, sie selbst zu nutzen, spricht das Bände über die aktuelle Reife und Zuverlässigkeit des Systems.
Auswirkungen auf den europäischen FSD-Rollout
Für Europa sind die Implikationen dieser Enthüllung gravierend. Während Tesla FSD (Supervised) in einigen europäischen Ländern wie Belgien, den Niederlanden und Litauen schrittweise eingeführt wird (siehe Durchbruch in Belgien), achten Regulierungsbehörden wie die UNECE (Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa) besonders genau auf Sicherheitsnachweise. Ungenauigkeiten oder Intransparenz bei Sicherheitsstatistiken könnten den Zulassungsprozess erheblich verlangsamen oder gar stoppen. Die Skepsis der eigenen Trainer könnte die Argumente gegen eine schnelle und weitreichende Zulassung von FSD in Deutschland und anderen EU-Ländern verstärken.
In der Vergangenheit gab es bereits Klagen und Bedenken bezüglich der Versprechen von Tesla FSD. So wurde Tesla in China wegen „Full Self-Driving“-Betrugs verklagt (siehe FSD-Versprechen unter Beschuss) und ein Oracle-Manager gewann eine US-Klage gegen Tesla um FSD-Versprechen (siehe US-Klage gegen Tesla). Die aktuelle Reuters-Untersuchung fügt diesen Bedenken eine neue, interne Dimension hinzu.
Der Weg zu echtem Vertrauen
Die Enthüllungen von Reuters unterstreichen die Notwendigkeit einer unabhängigen Überprüfung und transparenter Datenpräsentation im Bereich des autonomen Fahrens. Für Tesla bedeutet dies eine Herausforderung, das Vertrauen sowohl der eigenen Mitarbeiter als auch der Öffentlichkeit und der Regulierungsbehörden zurückzugewinnen. Nur durch eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit den Limitationen und durch die Bereitstellung nachvollziehbarer Sicherheitsnachweise kann die Vision des autonomen Fahrens wirklich Fuß fassen, besonders im kritischen und regulierten Europa.